In der Schattenwelt der Gefängnisse

Man findet sie auf jedem Knasthof: Fascho's, Glatzen, Hool's und andere Deppen, die mehr oder weniger heimlich oder offen die braune Sache von "Damals" propagieren. Seltener trifft man den militanten Neo-Nazis, der sich offen zu Adolf Hitler bekennt und offensiv die Abschaffung der Demokratie fordert.

"Bist du NPD-Mitglied?" fragte ich den frisch verhafteten Mann auf dem Hof der JVA Rohrbach. Im Nachgang des Skandals um die Rolle der Sicherheitsbehörden im Fall des "National-Sozialistischen Untergrunds" (NSU) wollte Rheinland-Pfalz zeigen, dass man hierzulande Ernst macht. Im März 2012 ließ man ein Dutzend notorischer Nazis pressewirksam verhaften, alle aus dem Umfeld des Ahrtaler "Braunen Hauses". Einige von ihnen sitzen seither in der JVA Rohrbach und betreiben politische Akquise.

Empört schaut der junge Mann mich an. "Spinnst Du! Ich bin Nationalsozialist. Die Scheißkerle von der NPD sind Demokraten. Mit denen will ich nichts zu tun haben." - "Nationalsozialist?" erkundigte ich mich. "So richtig NSDAP - mäßig?" - Was denn sonst! Alles andere ist doch Kollaboration mit dem Feind. Mein Vorbild ist Adolf Hitler und ich kämpfe für die Wiedereinrichtung der Diktatur." Im weiteren Verlauf des Gesprächs teilte er mir dann noch seine Ansichten zu Auschwitz, zum NSU- Terror und zu dem "genetischen Dreck" mit, der unser Deutschland verunreinige.

Nicht, dass mir diese Form politischen Wahnsinn neu gewesen wäre, aber der militante Vortrag machte mich erst einmal sprachlos. Schon in den Büer Jahren hatte ich in der JVA Stadelheim den Altnazi Friedhelm Busse kennen gelernt, der den Kampf gegen die Volksschädlinge von der CSU bewarb. Busse, ein Mann von Schrot und Korn war ein begabter Demagoge. Der Werkdienstleiter machte ihn zum Vorarbeiter im Jugendsaal der Untersuchungshaftanstalt. Dort erzählte er den Jungs Stahlhelmgeschichten und brachte ihnen Lieder vom Fähnleinführer Horst bei. Der Gesang bei der Zwangsarbeit erfreute den Beamten. Ein wenig Disziplin und Volkskultur, so der Werkdienstleiter damals. Könne den Spitzbuben nicht schaden. Resozialisierung auf bayrisch!

Blieb dieser Nazi-Sympathisant in Uniform seinerzeit die Ausnahme, so würde er heute im Dienstzimmer mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine Kameradschaft Gleichgesinnter treffen. In den letzten Jahre ist der braune Gedanke unter den Gefängniswärtern wieder populär geworden. Das junge Knastpersonal, schlecht bezahlt und mit mieser Perspektive, rekrutiert man heute bevorzugt in den neuen Ländern, bei ehemaligen Soldaten und unter Afghanistan-Veteranen. Das deren politische Grundhaltung eher nach rechts tendiert als nach links, ist zwar nicht logisch aber de facto zu beobachten. Ein Justizvollzugshauptsekretär aus Weiterstadt, dessen rassistische Einstellung ich vorsichtig hinterfragte, und dem ich klarzumachen versuchte, dass schon Michel Foucault ("Wer ist das denn? Kenne ich nicht?") festgestellt habe, der Staat, also die wirtschaftlichen und politischen Eliten, sähen in Wärtern und Gefangenen eine subproletarische Einheit, die es zu kontrollieren und auszubeuten gelte. Auf wessen Seite er denn eigentlich stehe .....

"Ich gehöre doch nicht zu Unterschicht," schnauzte er mich an. "Das mag für dich zutreffen, aber nicht für mich!"
Wie viel Terrain die braunen Brüder in Uniform inzwischen in den Knästen erobert haben, ist schwer zu sagen. Ich erzählte mal ein paar Brauneckdoten, deren Zeuge ich in verschiedenen Anstalten wurde.
JVA Weiterstadt, Hessen. Im April 2011. Der Afrikaner Kwanza S. beschwerte sich beim Abteilungsbeamten, er werde vom Mitgefangenen Werner L. dauernd "Nigger" gerufen. Dadurch fühlte er sich beleidigt. Da äffte der Wärter einen Schimpansen nach, machte mit der Zunge die Lippe dick und kratze sich dabei am Schädel. "Was willst du denn! Soll er etwa Monkey zu Dir sagen?"

Weiterstadt zum Zweiten. Im Oktober 2010 lag ich mit dem Häftling Dirk S. auf einer Doppelzelle. Bei der Essensausgabe wandte sich Dirk an den Beamten: "Wie oft muss ich ihnen denn noch sagen, dass ich koscheres Essen möchte. Ich bin Jude." - "Dann sei froh, dass es Dich noch gibt. Es hatten schon mal welche mehr Pech!"

JVA Rohrbach. Der Gefangene Emil B., ein Mann von einfachen Gemüt, verschlabbert ein wenig Kaffee auf dem Flur. "Mach es weg!" herrscht ihn der Wärter an. "Womit denn, ich habe keinen Lappen." - "Mir doch egal. Dann leckst du es eben auf!"

Letztes Beispiel aus Rohrbach, Februar 2012. Es hat geschneit. Im Hof liegen ein paar Zentimeter Schnee. Ein Gefangener trampelt direkt vor den Augen des Aufsichtsbeamten ein Hakenkreuz von einem Meter Balkenlänge in den frischen Schnee. Nachdem der Typ fort ist, spreche ich den Wächter an. "Was sagen sie denn dazu?" - "Ich sehe kein Kreuz. Ich sehe bloß Fußspuren." Lacht und lässt mich stehen.

Woran erkennt man den Nazis in Uniform? Schließlich tragen sie keine Abzeichen? Ein Indiz ist die Dummheit, die in ihren Äußerungen steckt. Der Knast scheint ihr natürliches Biotop zu werden. Abgeschirmt von öffentlicher Kontrolle, den "Volksschädling" täglich vor Augen, von der Gesellschaft beauftragt, die Schurken zu bewachen und sich stellvertretend an ihnen zu rächen, haben sie sich auf eine postnazistische Ideologie verständigt. Wenn man sie schwadronieren hört, wie sie Einbrechem und Dieben das Fell über die Ohren ziehen wollen, wie sie Salafisten nach Scharia - Art grillen wollen, Kinderschändern die Eier abschneiden und dem Ausländer Mores lehren, fühlt man sich an SA-Stammtische erinnert. Und kaum einer traut sich, den braunen Brüdern zu widersprechen.

Der Gefangenen nicht, weil sie Schikane und Willkür befürchten. Die Kollegen nicht, weil das dem Chorgeist widerspräche und die Anstaltsleitungen nicht, weil sie nicht dabei sind, wenn der Emil den Kaffee vom Boden auflecken soll oder der Dirk koscheres Essen verlangt. Im übrigen sind sie auf dem rechten Augen oft blind. Und wenn dann doch einmal ein Kollege die rassistischen Dummschwätzereien im Dienstzimmer leid ist und sich beim Chef beschwert, dann nimmt der lieber den Bediensteten aus der Schlusslinie, ehe er die braue Kameradschaft auflöst.

In der Schattenwelt der Gefängnisse hat sich eine Subkultur der Ungleichwertigkeit etabliert. An den Resozialisierungsgedanken glaubt kaum noch ein Vollzugsbediensteter Um die Würde der Gefangenen, speziell die der Afrikaner, Russlanddeutschen, Türken und Ex-Jugoslawen ist es schlechf bestellt. Die in vielen Gefängnissen auf Minimalniveau heruntergekommen Kommunikation zwischen Beamten und Inhaftierten, die latente Gewaltbereitschaft vieler Wärter und die Definitionsmacht der Sicherheitstechnokraten bestimmen den Alltag im Knast. In diesem Ambiente fühlt sich der Nazi in Uniform sicher wohl. Es ermutigt ihn, hart durchzugreifen. Sein oft sadistischer Charakter ist kompatibel mit dem Auftrag, an den Verbrechern Rache zu nehmen. Der Gefangene, erst recht jeder Migrant im Knast, erkennt den Nazi in Uniform, sobald er ihn sieht. Meist ist er militärisch korrekt frisiert, nicht selten Glatze. Die Uniform wird paramilitärisch aufgerüstet, der Gürtel durch ein Koppel ersetzt, an dem zusätzlich zu Schlüsselbund und Funkgerät nach Art US-amerikanischer Cops schwarze Kampfhandschuhe und ein Etui für die Sonnenbrille (immer cool aussehen) befestigt sind. Das signalisiert den "Lumpen": ich bin bereit! Ich fackle nicht lange. Hinzu kommt der feste Stiefel, der kleine Bruder des Weißgeschnürten. Der die Botschaft auf der Sohle trägt: these boots are not for walking .....

Was kann gegen die "Haselnüsse", wie wir sie nennen, unternommen werden? Mein Mitgefangener Ersan A. hat mal zwei von ihnen mit dem Besenstiel therapiert, aber davon muss abgeraten werden. Sich auf Anstaltsleiter und Justizminister zu verlassen, verspricht ebenso wenig Erfolg. Schließlich sorgen die "Haselnüsse" dafür, dass hinter Gittern Ruhe und Ordnung herrschen. Solang sie zum Gruß den Arm nicht heben, gibt es für die Oberen keinen Grund, einzugreifen. Daher meine ich, die Zeit ist gekommen, dass die braunen Wärter ermittelt und aus dem Vollzugsdienst entfernt werden. Wir müssen anfangen, mit dem Finger auf sie zu zeigen, wir müssen rassistische Äußerungen und Übergriffe dokumentieren und anzeigen. Oder wollen wir warten, bis sich die Wehrsportgruppe Weiterstadt ins Vereinsregister einträgt.....

Vorerst gilt der bemerkenswerte Satz von Ike Turner:
"Ein Mann mit Courage ist eine Mehrheit!"
Hubertus Becker